Nie wieder....... - aus meinem Tagebuch

Heute war der Tag, vor dem es mir immer gegraut hat, seit dem Tag, als du in mein Leben gekommen bist.
Der Montag, 12. Oktober 2009, der grau, kühl und regnerisch begonnen hat, dessen Himmel über Mittag aufriss und zwischen grauen Wolken eine strahlende Sonne zeigte, nachdem deine Seele fort gegangen ist, und an dem der Himmel danach wieder den ganzen Tag weinte.
Das Leben wird nie wieder so sein, wie es war. Du wurdest und warst ein Teil von mir, und dieser Teil wird nun für immer fehlen, denn du bist nicht mehr da.
Dein Leben hat genau 12 Jahre, 1 Monat und 10 Tage diese Welt und allem voran mein Leben bereichert....... Eine lange Zeit.
Ich weiss gar nicht mehr, wie es war, bevor du zu einem festen Bestandteil meines Lebens wurdest -
Wie sich 'ein Leben ohne Ilka' anfühlt.
Aber ich werde mich mit diesem Leben ohne dich, das wunderbarste und reinste Geschöpf, das mir bisher begegnet ist, auseinander setzen müssen -
Mir bleibt keine Wahl…


Ein kurzes Vorwort - für alle, die Vorworte mögen

'Daisy' war die betagte Hündin eines pensionierten Nachbar-Ehepaares. Sie war irgendeine mittel grosse Promenaden-Mischung. Äusserlich nicht schön, aber auf eine ganz spezielle Art unheimlich liebenswert.
Daisy war es vergönnt, über 17 Jahre alt zu werden.
Nie werde ich das Bild vergessen, wie sie auf staksigen Beinen einen etwas unbeholfen wirkenden Freudentanz aufführte. Wie ein ungelenkes, bockendes Fohlen sprang sie staksig über das Trottoir und den angrenzenden Autowendeplatz, in unbändiger Freude über einen Besuch von mir unbekannten Menschen, die sie anscheinend sehr liebte. Ich wurde zufällig Beobachter dieser überschäumenden Lebensfreude, und das Bild dieser hoch betagten Hündin brannte sich in jenem Augenblick tief in meine Seele ein.
Tief drin wünschte ich mir in jenem Moment, dass meine 'Ilka' auch mal so richtig alt werden darf. Dass sie als hoch betagte Dalmatinerlady - wie Daisy - in der Lage sein wird, solche Freudensprünge auf nicht mehr ganz sicheren Pfoten zu wagen. Dass somit noch unzählige Jahre eines gemeinsamen Lebens vor uns liegen -
Leider war uns dies nicht vergönnt.
Ilka war 12 Jahre, 1 Monat und 10 Tage alt, als wir voneinander Abschied nehmen mussten.
Der Abschied kam zu früh. Viel zu früh.
Meine Freundin Antoinette sagte mir einmal:  'Mit 10 Jahren ist ein Hund alt. Jeder Tag darüber hinaus ist ein Geschenk. Insbesondere jeder gesunde Lebenstag.'

Jeder Tag mit Ilka war ein Geschenk. Von ihrer Übernahme mit auf den Tag genau 8 Lebenswochen bis hin zu ihrem vertrauensvollen Einschlafen und Loslassen in meinen Armen.
Jeder Moment war ein Geschenk.

Erinnerungen an sie lassen heute noch Lachtränen strömen, es gibt aber auch immer wieder Momente, wo sich das Herz schmerzhaft zusammen zieht und heisse Tränen fliessen, weil ich sie über alles vermisse.
Sie war während 12 Jahren meine treuste Gefährtin und wurde mehr und mehr ein Teil von mir.
Wir verstanden uns gegenseitig ohne Worte.
Sie begleitete mich als beste Freundin durch diese Welt und insbesondere durch viele Lebenstäler hindurch:  Durch ein Burnout, durch Ehekrisen, durch Trennung und Ehescheidung.
Sie begann mit mir ein neues Leben und blühte nochmals so richtig auf.
Und als ich in meinem Neuanfang Fuss gefasst hatte, war es für sie der Moment, zu gehen.

Und mein Leben wird nie mehr dasselbe sein.

Im Grunde genommen bin ich nicht mehr primär traurig, dass sie nicht mehr an meiner Seite ist.
Sondern ich bin dankbar dafür, dass ich sie haben durfte.
Sie war etwas vom Allerbesten, das mir in meinem  Leben widerfahren ist.
Was bleibt, sind unzählige Erinnerungen an eine einmalige, getupfte Persönlichkeit, die es wert sind, nieder geschrieben zu werden.
Um Menschen, die Tiere lieben, Freude zu schenken.
Denn dafür war Ilka auf dieser Welt - um Freude zu schenken.


Aus dem noch nicht fertigen Manuskript:
'Ilka und ich - Erinnerungen an die einmaligen Jahre mit meiner getupften Partnerin mit der kalten Schnauze'
Mehrere Kapitel von 'Ilka und ich' sind bereits in diversen Anthologien des novum pro Verlages erschienen:
nebel streif zug der Literatur, Herbst-Anthologie 2011, ISBN 978-3-99003-735-5
winter märchen haft,             Winter-Anthologie 2011,  ISBN 978-3-99003-736-2


Ilka und ich


Ilka war meine Seelengefährtin.
Eine erneute Diskushernie war ihr Todesurteil.
Zwei Rücken-Operationen lagen bereits hinter uns, bei beiden kam alles gut, was ein Wunder war.
Eine dritte OP im Alter von 12 Jahren wäre eine Zumutung gewesen.

Ilka wollte leben und biss auf die Zähne, liess sich nicht anmerken, wie schlimm es um sie stand.
Erst im Nachhinein fiel mir beim genauen Betrachten von Fotos auf, dass der Bandscheibenvorfall Anfang Oktober schon da war.
Sie liess es sich nicht anmerken. Unglaublich.
Ich dachte, sie habe einfach bloss Rückenschmerzen und gab ihr wie zuvor schon phasenweise Rimadyl.

Bis sie nicht mehr konnte.

Am Abend des 11. Oktober ging es ihr gelinde gesagt einfach nur noch mies.
Tief in mir drin wusste ich, dass ich sie nur noch bis zum kommenden Morgen habe.
Ich zog mir meinen  warmen Trainer an und übernachtete bei ihr auf dem Boden, auf dem nackten Parkett, direkt neben ihrer Matratze.
Dies, weil ich nicht unbedingt schlafen wollte, sondern sie bewusst spüren wollte.
Ich wollte diese letzte Zeit mit ihr ganz bewusst erleben.
Sie wusste nicht mehr, wie liegen. Seufzte bei jedem Atemzug. Sie tat mir einfach nur Leid.
Während der ganzen Nacht stützte ich ihr den Rücken, sie lehnte sich mehr und mehr an, begann sich in Seitenlage zu entspannen und fiel in Tiefschlaf.
Stunde um Stunde hörte ich ihr beim Atmen zu, spürte, wie sich ihr Körper mit jedem Atemzug hob und senkte. Streichelte sie. War bei ihr. War einfach da.
Am Morgen wusste ich, dass ich die Meinung von Antoinette brauche, die mir sagt, dass ich keinen Fehler mache.

Was ich erst später, als Antoinette da war, realisierte war, dass sich Ilka von ihrer Therapeutin und Freundin verabschieden wollte!

Antoinette liess alles stehen und liegen und kam. Sie legte sich bäuchlings vor Ilka auf den Boden, redete leise mit ihr und kraulte ihr mit dem Zeigefinger zärtlich die Nase, so dass weisse Dalmatinerhärchen herunter rieselten.
Dann sagte sie mir, dass Ilka müde sei und schlafen wolle.
Ja, Ilka bat mich, sie zu erlösen.
Sie hatte sich entschieden, und sie hatte sich von allen ihr wichtigen Menschen verabschiedet.
Schon vor einiger Zeit hatte ich mit mir ausgemacht, welchen Tierarzt ich da haben möchte, sollte Ilka jemals erlöst werden müssen. Paul war im Nu da.
Es gab keine Hektik, keinen Stress.
Ich hielt Ilka fest in meinen Armen.
Beim Einstich zuckte sie nicht auch nur eine Spur zusammen.
Sie wurde schwerer und schwerer - und war plötzlich nicht mehr da. Ich hatte nur noch ihre Hülle im Arm.
Besser hätte ihr Fortgehen nicht ablaufen können.
Es war gut und richtig so.

Und ich hatte es geschafft.
Hatte Ruhe bewahrt - für sie.
War da für sie, wie sie zuvor ihr ganzes Hundeleben für mich.

Ihr ganzes Leben lang hatte ich eine Heidenangst vor diesem Moment.
Und dann war er da.
Und ich konnte unerwartet gut und beinahe souverän mit der Situation umgehen.
Sicher auch aufgrund dessen, da ich mir immer wieder Gedanken dazu gemacht hatte, was ist wenn...
Verdrängung hilft einem nicht weiter, wenn die Konfrontation mit dem endgültigen Abschied da ist!
Dann mündet alles in pure Überforderung!

Wir beide hatten es geschafft.
Sie war erlöst.

Genau so sollte es sein.......