Referenz Sterbebegleitung
Gut Aiderbichl AT-Henndorf, Chow-Chow Hündin Kessy


Tagebuch Sterbebegleitung Kessy
 



Fallbeispiel 1:
Wie es nicht sein sollte - Meerschweinchen 'Jessie'

Aufgrund eines Tierarzt-Besuches war mir schon einige Zeit bekannt, dass die Kurzatmigkeit von meinem geliebten Meerie Jessie von einem Lungentumor her stammt.
Eines Tages 'pumpte' Jessie beim Fressen von Löwenzahn dermassen, dass man Angst haben musste, dass sie beim Fressen ersticken wird.
Ich liess mich telefonisch von einer Meerschweinchen-Fachfrau beraten, mir wurde die Euthanasie empfohlen, um Jessie vor einem Erstickungstod zu bewahren.

Nur eines liessen wir ausser acht:
Jessie war nicht bereit zu sterben, sie kämpfte immer noch um ihr Leben!

Beim Tierarzt wollte Jessie einfach nicht einschlafen.
Sie benötigte unerklärlicherweise Unmengen an Narkosemitteln, bis sie endlich schlief!
Der Tierarzt bestätigte mir, dass Jessie tief und fest schläft und garantiert nichts von der Todesspritze mit bekommen wird.
Weit gefehlt, denn Jessie bäumte sich auf - trotz Narkose!

Dieses Bild habe ich noch heute, viele Jahre später, präsent, wenn ich an sie denke, dieses Erlebnis war für mich ein absolutes Trauma, ich war geschockt.

Heute, Jahre später weiss ich, dass sich Jessie damals in der 3. Sterbephase befand, sie war dabei, zum letzten Mal aufzublühen, daraus resultierte ein ausgesprochen hässlicher Todeskampf.
Ich meinte es gut und wollte sie erlösen lassen, die Euthanasie war jedoch Mord - keine Erlösung!

Mit meinem heutigen Wissen möchte ich Tieren dieses unnötige Leiden ersparen können.
Damit sie in Würde leben können - bis zum letzten Atemzug.



Fallbeispiel 2:
Wie es wünschenswert wäre - Meerschweinchen 'Sissi'

Sissi war eine hoch betagte, wackere Meerie Dame. Sie wurde +/- 7 Jahre alt.
An einem Abend fütterte ich wie gewohnt die tägliche Gemüse Ration, und sie kam auf ihren Arthrose-Füsschen munter daher gewackelt. Verfressen war nur der Vorname.
Dann jedoch geschah etwas Eigenartiges:
Sissi schien für einen Moment in sich hinein zu horchen. Danach wandte sie sich vom Futter ab, ohne dieses auch nur anzurühren, ging ein paar Schritte weg, grub etwas abseits eine Mulde und 'parkierte' sich mollig hin!

Sie war zufrieden mit ihrem Leben und befand es an der Zeit zu gehen.
Sie zog sich zurück, legte sich bewusst zum Sterben hin - und wartete geduldig.

Und dies, obwohl sie bis zu jenem Zeitpunkt gesund und fit war!
Ich dachte, dass sie im Laufe der Nacht stirbt.
Am kommenden Morgen lag sie jedoch immer noch so da, mehr oder minder wach.
Ich rief die Schweizer Meersäuli Fachfrau Ruth Morgenegg an und liess mich beraten.
Ich solle sie mit Heu zudecken, damit sie nicht friere, vermutlich sei ihre Körpertemperatur schon zusammen gefallen. Ja, sie fühlte sich kalt an, also deckte ich sie mit Heu zu, so dass nur noch ihr Köpfchen raus schaute.
Und ich solle ihre Lippen immer wieder befeuchten, damit sie nicht Durst habe. Fortan brachte ich also mit dem Finger ein paar Wassertröpfchen an ihr samtiges Mäulchen und sie leckte diese dankbar weg.
Stunde um Stunde ging das so.
Damals lebten insgesamt sieben Tiere in der Sippe.
Sissi war keine Minute allein. Sie wurde von den Anderen besucht, mal knabberte eines etwas Heu bei ihr, mal legte sich eines bei ihr hin. Stundenlang war zu beobachten, wie sie während ihres Sterbens von den Anderen liebevoll begleitet wurde!
Irgendwann am späten Nachmittag schlief sie einfach so ein.
Und die anderen Tiere nahmen Abschied von ihr. Ich beliess Sissi's Körper daher noch für ein paar Stunden im Gehege.

Ein so natürliches Sterben wäre einfach nur wünschenswert.......


Fallbeispiel 3:
Trauer kann zurück gebliebene Tiere depressiv machen - Meerschweinchen 'Mercy'

Beim Füttern fehlte eines der Tiere!
Als ich nachschaute erschrak ich schon etwas:
'Snörli' lag völlig überraschend tot unter einem der Häuschen!
Ihre Augen waren noch nicht ganz 'erloschen', sie war zudem noch warm und weich - es musste soeben erst passiert sein.
Einfach so... Sie war meines Erachtens kerngesund gewesen... Und erst gut vier Jahre alt!

Ich beliess sie für eine Nacht tot im Gehege, so dass die anderen Meeries sich von ihr verabschieden konnten. Am Folgemorgen nahm ich sie raus.

'Mercy', die Mama von Snörli, verfiel in eine tiefe Depression. Stundenlang verharrte sie unter demselben Häuschen in identischer Stellung, wie ihre Tochter gestorben war!
Nur zum Fressen verliess sie diesen Platz - um danach umgehend wieder dahin zurückzukehren.
Ich dachte, dass sie ihrer Tochter folgen möchte -

In jenen Tagen besuchte ich das Sterbebegleitungs-Seminar und fragte die Kursleiterin um Rat.
Ich solle es mit Orange versuchen, Orange symbolisiere für Tiere den Sonnenaufgang, den neuen Tag, dass das Leben weiter gehe.
Gesagt, getan. Ich kaufte einen orangen Vorhang und brachte diesen am Gehege an.
Dennoch beliess ich Mercy ihre Trauerstätte am gleichen Ort.
Sie suchte diese weiterhin täglich auf, legte sich wiederum identisch hin, aber nur für eine gewisse Zeitspanne. Dann ging sie wieder da weg.
Ab der orangen Umgebungsfarbe war zu beobachten, dass die Dauer der Trauerphasen fortan merklich kürzer ausfielen, und dass das Tierchen aus seiner Depression und Lethargie den Weg ins Leben zurück fand.

An Mercy erlebte ich, wie sehr ein Tier trauern kann...
Und dass Trauer ein zurück gebliebenes Tier in ein tiefes Loch stürzen kann...


Mercy ist nun fast 7 Jahre alt und 'mein Urgestein von Schweinchen'. Sie ist in den vergangenen Wochen - vermutlich komplett - erblindet. Aber sie lebt immer noch gern! Und ich liebe sie innig. Sie wartet jeden Tag am Futterplatz und reckt mir ihr Mäulchen entgegen, sie ruft zwar, aber bekommt keinen Ton mehr raus. Immer bekommt sie als Erste den stets feinsten Happen, Grünes vom Fenchel oder eine Kiwi-Schale. Im Alter hat man doch Privilegien, oder?